Also ich finde das ganz in Ordnung.
We know there are lots of folks who used to enjoy spending time in other worlds, but no longer have the time to put together their own expedition.
Offensichtlich wendet sich das Angebot einer Reise/Führung plus Rollenspiel an Menschen, die durch ihren Beruf nicht mehr in der Lage sind eine regelmäßige, normale(!) Rollenspielrunde aufrechtzuerhalten oder auch nur daran teilzunehmen.
Da US-Rollenspiel-Cons anders als die meisten deutschen Con NICHT vordringlich als Spielertreffen, sondern als Industriemessen (wie ja in Deutschland fast nur die Spiel in Essen) gedacht sind, ist es kaum verwunderlich, wenn ein gestreßter Arbeitnehmer die Wahl hat für 5-600 Dollar zum GenCon zu fahren und dort mit Glück gerade mal bei ein oder zwei 3-4 stündigen Demo-Spielchen mitzuspielen und für jeden kleinen Scheiß dort auch noch extra bezahlen zu müssen, oder eben ein interessantes Wochenende mit Outdoor-Event plus einer intensiven Rollenspielrunde in gepflegtem Ambiente geleitet von erfahrenen und renommierten Vertretern des Rollenspiels in den USA erleben zu können.
Wenn ich diese Wahl hätte, wenn ich durch einen Streßjob, der mich beständig einspannt, keine Zeit für das Spielen mehr hätte, wenn ich nur 10 Urlaubstage im Jahr hätte, wenn ich zu einer normalen(!) Spielrunde über 100 Meilen einfach fahren muß (alles reale Probleme, die man bei den Spielrundensuchen in diversen US-Foren lesen kann), dann hat eine Art Kurzurlaub, dann hat Rollenspiel mit "Mehrwert" durchaus etwas zu bieten.
Rollenspiel macht auch (noch) Leuten Spaß, die jenseits der Schule und Uni deutlich weniger Zeit, aber zumeist mehr Geld verfügbar haben. Unter diesen Voraussetzungen haben die Leute dort eine echte Marktlücke entdeckt.
Bei den Preisen falle ich auch nicht vom Hocker. Ein Wochenende CenterParks oder gar Disneyland macht einen weitaus ärmer als diese Angebote. Und alle renommierten Cons (GenCon, Origins, ...) in USofA sind im Besuch sauteuer verglichen mit den deutschen Cons (die Spiel ist ja eh kein Con sondern eine Handelsmesse).
So weit sind wir also gekommen. Dieses Modell würde auch in unserem Verein bestimmt viele Spielleiter dazu motivieren, Runden anzubieten. Man verlangt einfach je Person 30 EUR, und hat somit sein Hobby zum lukrativen Nebenverdienst gemacht. Das ist doch nicht zu fassen, oder?
Nun, "wir" sind in Gestalt von White Wolf als Verlag der OWoD und NWoD soweit gekommen, daß dort allen Ernstes nur lizensierte Spielleiter und kostenpflichtige Spielrunden als offizielle NWoD-Runden propagiert wurden. Und zwar so ernsthaft, daß es zu einer erheblichen Entrüstung bei den Fans kam. Nach White Wolf hätte es eine Art Gaming Police bedurft, die auch bei jeder Spielrunde kontrolliert, ob der Spielleiter auch eine teuer vom Verlag zu erwerbende Lizenz hat und ob jeder Mitspieler seinen Mitspielbeitrag an White Wolf überwiesen hat. Das ist KEIN Scherz, sondern eine der wirklich innovativen Ideen, die White Wolf hatte (im Gegensatz zu der als schaler zweiter Aufguß rüberkommenden New World of Darkness, deren Innovationen sich ja sehr in Grenzen halten).
Mit Moral und Ideal kann man m.E. grundsätzlich nicht argumentieren, wenn es um eine Spiel-INDUSTRIE geht. So ist z.B. Degenesis und das deutsche Unknown Armies (wenn ich mal von den Preview-Illustrationen ausgehen darf) sehr vermarktungsoptimiert aufgemacht worden. Das hat mit Ideal nichts zu tun, sondern mit Sales-Forecasts.
Wenn man als namhafter Autor in einem - wie ich finde - Rollenspiel-Entwicklungsland mit D20-Monokultur für zahlungskräftige Kreise Rollenspiel-Exkursionen anbieten will, dann ist das kein Ausverkauf eines Ideals. Wie idealistisch ist ein Autor, wenn er sein Rollenspiel nicht zum freien Download, sondern als Kommerzprodukt anbietet?
Von Rollenspielpublikationen allein können ja weder in Deutschland noch in USA die Verlage leben. Es gab seit den Siebziger Jahren einen enormen Shake-Out. Es wurden Verlage, die lange als unangefochtene Marktbeherrscher im Rollenspielesektor galten, einfach geschluckt, weil die anderen Spielehersteller einfach mehr Kohle hatten und ihr Produktportfolio um Rollenspiele aufstocken wollten. Man sehe sich die Geschichte des D&D-Verlags TSR an. Sie waren die Größten. Sie hatten Umsatzprobleme durch Mißmanagement. Sie wurden von einem Sammelkartenspieleverlag Wizards of the Coast geschluckt. Dessen Besitzer verkaufte WotC an den globalisierten Spiele-Multi Hasbro um noch rechtzeitig möglichst viel Kohle aus seinem Unternehmen rauszuschlagen. DAS ist normales Geschäftsgebaren.
Wer da nicht mitziehen will, der gibt seine Rollenspiele als Indie-RPGs im Eigenverlag heraus oder der wuchert wie Flechten am kargen Rand dessen, was die D20-Monokultur noch so übrig läßt.
In dieser wirtschaftlichen Realität leben auch die Autoren von Unknown Armies und anderen Rollenspielen. Und keiner von denen kann sich den Luxus leisten irgendwelchen Idealen nachzuhängen. Wir haben es nicht mehr 1977! Im Rollenspiel-Business gelten dieselben harten, gefühllosen Gesetze wie in allen Branchen. Das mag man akzeptieren oder auch nicht.
Wenn man das nicht mag, dann sollte man ständig nach den wahren Idealisten unter den Rollenspielautoren Ausschau halten und deren independent Rollenspiele beziehen. Ich habe so einiges von Wick, Edwards, und anderen Autoren gekauft, weil es gute Spiele sind UND weil diese Leute es verdienen, daß man ihren Idealismus mit meinem Geld unterstützt.
Aber ich kaufe natürlich auch andere, kommerzielle Rollenspiele, weil sie mich interessieren. Ich kaufe ja sogar D20 (der Täufäl! DER TÄUFÄÄÄLLL!), auch wenn D20 für das Rollenspieleladensterben in USA wesentlich mitverantwortlich ist.
Dein Idealismus in allen Ehren, aber keiner von uns hätte je Rollenspiele kennengelernt, wenn sie nicht auch eine kommerziell attraktive Komponente hätten, die die Spieleverlage dazu bringen würden, sie überhaupt zu produzieren. Und Cons und Handelsmessen sind ja genauso kommerziell zu Profit verpflichtet. Auch die Spiel in Deutschland. - Und vergleiche das mal mit den typischen Star Trek Cons (FedCon etc.). DAS ist Marketing und Merchandising PUR! Man bekommt wenig für viel Geld und das Wenige reizt aber immer noch jedes Jahr mehr und mehr Sci-Fi-Fans sich im Star Trek Strampelanzug dort einzufinden und Poster, Autogramme, Photos alles separat zu bezahlen.
Idealismus wird man dort nicht finden. Macht aber nichts. Spaß hat man als Besucher trotzdem (ich jedenfalls - auch wenn ich kein Trekkie bin).
Bei allem "Business Realismus" muß ich sagen, daß mir die eiskalte, offensichtliche Vermarktung, die z.B. im Star Wars oder Star Trek Umfeld an den Tag gelegt wird, zuwider ist. Auch die GenCon-Tagebücher der dortigen Besucher stimmen mich eher skeptisch bis traurig als begeistert. Da sieht man die Industrie pur und ohne Tünche an der Arbeit.
Da ich soetwas zwar als unsere Realität akzeptieren kann/muss, kann und werde ich auch nicht versuchen diese Industrie als den Feind zu sehen. Denn das ist sie nicht.
Andererseits kann und werde ich alle Bestrebungen den Idealvorstellungen rund um das Rollenspiel zur realen Fühlbarkeit zu verhelfen respektieren, unterstützen und mich freuen das es so etwas (noch) gibt.
In diesem Sinne: meinen Respekt für Deine aufrichtige Entrüstung und Deinen Idealismus! Weiter so! Das ist eine der positiven Eigenschaften an unserem Verein, daß hier noch Ideale existieren in einer Welt, die mit ihrer wirtschaftsgetriebenen Idealvernichtung mehr und mehr in die Scheiße fährt.