Oje, man sollte eine Antwort auf einen Forenbeitrag nicht mit 'Oje' beginnen, aber ...
Daniel hat geschrieben:
1.) Rollenspiel ist ein Hobby.
2.) Rollenspiel ist ein Hobby mit einer kleinen Anhängerschaft.
Punkt 1.) stimmt.
Punkt 2.) ist schon schwammig, denn was heißt "kleine Anhängerschaft"? Klein im Vergleich zur Anzahl an aktiven und passiven Fußball-Spielern (was ja auch ein Hobby ist)? Oder klein im Vergleich zu Schach-Spielern? Oder klein im Vergleich zu Skat-Spielern? Oder klein im Vergleich zu Computer-Spiel-Spielern? - Klein ist immer relativ zu etwas anderem zu sehen, weshalb ich hier allein schon nicht zustimmen kann. Die Anhängerschaft von Rollenspielen in Deutschland und weltweit ist RIESIG. Zumindest in meinem persönlichen Vergleich, den ich mit 1979 ziehen kann, dem Jahr, in welchem ich mit Rollenspielen angefangen hatte. Damals gab es AUSSCHLIEßLICH im englischsprachigen Raum so etwas wie ein Rollenspiel-Szene, ein paar Rollenspiel-Verlage, die ersten Cons, etc. - In Deutschland gab es eine weiße Landkarte mit ein paar ganz kleinen Inselchen, wo man - per Mundpropaganda in Zeiten ohne allgemein verfügbares Internet! - mehr ahnte als wußte, daß dort auch Rollenspieler sein mögen. DAS nenne ich kleine Anhängerschaft im Vergleich zur heutigen Masse an DSA, Shadowrun, D&D, Vampire und LARP Rollenspielern, die man tatsächlich bundesweit ÜBERALL finden kann. - So klein ist die Anhängerschaft ja wohl doch nicht.
Ich betreibe auch schon seit fast so langer Zeit andere Hobbies. Philippinischer Waffenkampf gehört dazu. Ich war lange Jahre in Deutschlands größtem Verband diesbezüglich Mitglied. Der hatte zu seinen besten Zeiten knapp über 1000 Mitglieder bundesweit. Zur gleichen Zeit hatte der Deutsche Judo-Bund über 200.000 Mitglieder. Beides sind Hobbies. (Später mehr zu diesem Vergleich, wenn es um die zugehörige Industrie geht.)
Daniel hat geschrieben:Diese zwei Punkte allein sollten doch zu folgenden Annahmen führen:
1.) Mit Rollenspiel läßt sich kein Geld (von Taschengeld abgesehen, das in keiner angemessenen Relation zum Aufwand steht) verdienen.
2.) Ruhm, Ehre und Ansehen kann nur in so beschränktem Außmaß erworben werden, daß jegliche Diskussion darüber eigentlich müßig ist.
Wenn sich damit kein Geld verdienen ließe, dann wären sämtliche deutschen Rollenspielverlage rein steuerrechtlich gesehen sogenannte Liebhabereien und hätten mächtig finanziellen Ärger an der Backe. Eine GBR, eine GmbH als Verlag zu gründen ohne ein betriebswirtschaftlich positives Ergebnis zu erzielen führt zwangsläufig zur Schließung des Betriebes und sonstigen insolvenzrechtlichen Folgen.
Die großen UND die kleine Verlage gibt es aber noch - und es gibt sie schon eine ganze Weile. Fanpro ist aus einer der kleinen Rollenspiel-Inseln Anfang der Achtziger Jahre hervorgegangen und hier um zu bleiben. Pegasus, ***** und ******* [Name eines besser nicht zu nennenden Rollenspielverlags], F&SF-Verlag (oh Gott, den gibt es ja schon EWIG, die produzieren jetzt fast solange Midgard, wie es Midgard gibt - immerhin an die 25 Jahre, und jetzt ja auch noch Perry Rhodan), ... Die machen das nicht für "Taschengeld abgesehen, das in keiner angemessenen Relation zum Aufwand steht". Auch wenn solche Verlagsbesitzer wie die von ***** und ******* [Name eines besser nicht zu nennenden Rollenspielverlags] gerne so tun, als würden sie am Hungertuch nagen, so zeigt ja ihr fleißiges Aufkaufen deutscher Lizenzen wie Warhammer, D&D und natürlich World of Darkness, Dork-Tower, etc. , sowie ihr Eigenprodukt Engel (dessen erste Auflage des Grundregelwerks ausverkauft ist - bestimmt mehr als nur 1000 verkaufte Exemplare, da sie ja allein von ihrem auf eine Auflage von 1000 Stück limitierten, noch kleinere Nischenmärkte im Rollenspiel-Sektor adressierenden Kleine Ängste alles restlos ausverkauft haben), daß es ***** und ******* [Name eines besser nicht zu nennenden Rollenspielverlags] finanziell gesund gehen muß. Fanpro natürlich auch. Und Pegasus.
Damit möchte ich Punkt 1.) mal entschieden widersprechen. Man KANN sehr wohl als professioneller Rollenspiel-Autor, als professioneller Rollenspiel-Verlag leben und finanziell im Positiven bleiben. Klar ist der Rollenspiel-Markt in Deutschland nicht so groß wie der Markt für Computerspiele. Aber bei Rollenspielen und bei Computerspielen gibt es immer die Verlage und die Autoren, die das trotz Konkurrenz, hart umkämpfter Marktsegmente und im Vergleich mit z.B. dem Markt für Hobbysportarten kleinen Marktvolumen des Rollenspielmarktes insgesamt, eben doch schaffen. - Und natürlich gibt es viele, die finanziell mit ihren Arbeiten nicht über die Runden kommen. Nicht jedem ist es geben als Autor so regelmäßig beständige Qualität abzuliefern, daß er Verlage für seine Bücher findet. Nicht jeder Verleger beherrscht sein betriebswirtschaftliches 1x1 gut genug. Das betrifft aber jeden, der sich mit egal was(!) selbständig machen will. - Ich habe das im IT-Freelancer-Bereich bei einem guten Freund mitbekommen, was der ALLES unternehmen mußte, um da einigermaßen über die Runden zukommen (immerhin kriegt er es auf die Reihe). Selbständig heißt immer noch "alles selbst machen, und das ständig".
Zur zweiten Annahme - das mit dem Ruhm und Ehre und so: Na, wer's braucht. Wer in einem Themengebiet nicht etwa Geld verdienen will, sondern es zu Ruhm, Ehre, Ansehen bringen will, der muß sich - wie ÜBERALL - als Hure der öffentlichen Meinung präsentieren. Die bekannten Namen im - nehmen wir mal nur das deutsche - Rollenspielumfeld sind z.B. Hadmar von Wieser, Dogio, Jürgen E. Franke, ... Die haben ihre Bekanntheit, ihren Ruf, ihren Ruhm nicht auf die Schnelle, sondern durch kontinuierliche Präsenz in ihrem Themenumfeld, durch "Tue Gutes und Rede darüber", durch mehr Bücher, Webseiten und Fanzines, in denen ihr Name steht erzielt, als das der durchschnittliche, das Rollenspiel-Hobby als Spieler, Spielleiter, Freizeit-Abenteuer-Autor erreichen kann. Wer nach Ruhm strebt, der kann ihn erreichen. Auch im Rollenspiel-Umfeld.
Aber eben durch "Heldentaten" im Rollenspielumfeld hat man diesen Ruhm auch nur bei Rollenspielern, nicht bei anderen Gruppen der Bevölkerung. So wie mir Fußball nichts gibt, ich keine Fußballer kenne und bei den Nachrichten während der Fußballergebnisse lieber zur Klingeltonwerbung auf MTV zappe, so wird der eingeschworene Bayern-Fan und Hobby-Kicker , wenn er nicht gerade zusätzlich auch noch Rollenspieler ist, kaum etwas mit Schiemichen anzufangen wissen (und wenn er typischer DSA- oder Shadowrun-Monokultur-Spieler ist, dann auch nicht). - So ist das mit dem Ruhm. Wer mehr Ruhm haben will, der soll halt eine Fantasy-Trilogie um einen Ring und kleine speckige Barfußläufer schreiben. Dann kennen ihn - spätestens nach der Film-Trilogie - mehr Leute als unseren aktuellen Außenminister (nein, nicht der Joschka - nie wieder der Joschka).
Daniel hat geschrieben:Denn:
Eines der größten Dinge die man in diesem Hobby bewerkstelligen kann, ist wohl ein eigenes Grundregelwerk herauszubringen.
Oder eine der phantastischsten Spielwelten wie Greg Stafford mit Glorantha. Oder eine weitreichende Nachschlagequelle nach Rollenspielen zu pflegen wie Dogio mit dem DROSI. Oder ein Forum für Independend Rollenspiele zu bieten wie Ron Edwards mit The Forge. Oder einen Online-Shop mit FAIREN Preisen für Importspiele zu unterhalten wie Dragonworld.
Oder einen Verein für Rollenspieler zu gründen.
Daniel hat geschrieben: Aber hey, das Teil kaufen 500 Leute, vielleicht 1000, aber wie wenig ist das?
Eine Auflage von 1000 Stück als Druckausgabe ist schon ziemlich gut. Da machen die Verlage einen guten Schnitt, selbst wenn die Produktion recht aufwendig war (vorausgesetzt sie konnten die Produktionskosten kalkulieren - etwas, daß manche Blauäugigen im Geschäft nicht drauf haben, weshalb sie an ihren Produkten untergehen). Z.B. KÄ wird sich trotz der knappen Auflage für ***** und ******* [Name eines besser nicht zu nennenden Rollenspielverlags] vollauf gelohnt haben. Engel noch viel mehr, sonst wäre ja nicht das Regelwerk überarbeitet und in 2. Auflage erschienen, weil sich die erste ja ausverkauft hatte. Auch DSA4 scheint sich ja trotz anfänglichen Gemäkels von Alt-Fans von DSA3 ganz gut zu verkaufen. Hier sind die Auflagen auch garantiert größer als bei Engel oder anderen Nischenprodukten. Immerhin ist DSA nicht umsonst der Bestseller in Deutschland unter den Rollenspielen.
Daniel hat geschrieben: Eine monatlich erscheinende PC-Spiele Zeitschrift hat eine Verkaufszahl von weit über 300.000 Stück, genauso wie Bestsellerromane.
Hier vergleichst Du Äpfel mit Birnen. Das Marktvolumen für PC-Spiele und deren Beiprodukte wie PC-Spiele-Zeitschriften ist um einiges größer als das für Rollenspiele. Das für Bestsellerroman wie Harry Potter nochmal wesentlich größer. DESHALB kann es sich ein Verlag erlauben solche Stückzahlen produzieren zu lassen. Vergleiche das Markvolumen von Rollenspielen und damit die produzierten Stückzahlen mal lieber nicht mit Dingen, bei denen ein weitaus größeres Kaufinteresse in der Bevölkerung besteht. Kleinauflagen findet man z.B. regelmäßig bei den Faksimile-Ausgaben historischer Fechtbücher. Da bin ich ein treuer Kunde. Die werden auch von verglichen mit Großverlagen eher überschaubaren Verlagen in z.T. liebevoller Kleinarbeit hergestellt. Aber auch diese Verlag wollen und MÜSSEN überleben. Daher müssen sie hart kalkulieren, welche Mindestauflage mit welcher Ausstattung sie absetzen können müssen, um schwarze Zahlen zu schreiben. Das ist im Rollenspielsektor dasselbe.
Daniel hat geschrieben: Oder denken wir an bestimmte Kritiker, die sich auf den Punkt stellen Rollenspielprodukte als Konsument zu bewerten. Und haufenweise Kritik, wie in der wiklichen Welt austeilen.
Was ist falsch daran etwas, das als Produkt VERKAUFT, also gegen gutes Geld abgegeben wird, mit den gleichen Kriterien zu bewerten, wie ein anderes Produkt?
"Kritik wie in der wirklichen Welt" - hallo da drinnen im Elfenbeinturm! Wir arbeiten ganz wirklich für unsere Euronen. Diese müssen wir ganz wirklich für ein Rollenspielprodukt abdrücken. Und wenn dann in diesem ganz wirklichen Rollenspielprodukt etwas drin ist, oder etwas fehlt, was den Tausch Euros-gegen-Rollenspielbuch nicht mehr als fairen Tausch aussehen läßt, dann darf man doch wohl mal was anmerken. Wenn ich drei frische Brötchen kaufen gehe, dann will ich drei frische Brötchen und nicht einen Sack voll Gammelfleisch.
Daniel hat geschrieben:Aber hey, das Teil wird von Liebhabern gekauft. Und zwar ausschließlich. Liebhaber, Sammler und ein paar wenige Spieler.
Ausschließlich? Da ist ein Weltbild und ein Menschenbild als Grundlage dieser Aussage vorhanden, welches Du sicherlich nicht von jedem anderen auf der Welt geteilt zu werden erwarten wirst. - Es geht hier nicht um das Hobby Rollenspielbücher-Sammeln, so wie Briefmarken-Sammeln oder Automodelle-Sammeln, sondern um das Hobby Rollenspiele insgesamt. Dazu gehört nur unter anderem, daß es ein Angebot an "Sammelbarem" gibt. Ich kenne ein paar Sammler von Rollenspiel-Sonderausgaben, Luxusausgaben, geringen Sonder- oder Vorab-Auflage für Messen etc. Klar, das gibt es in diesem Hobby. Aber ist das ein WESENTLICHER Anteil der Praktizierenden? Bei Briefmarken-Sammlern möchte ich das bejahen. Bei Rollenspielern geht es zum einen um das Spielen selbst. Das ist der Hauptanteil. Dazu gibt es jede Menge Beiprodukte (Zinnfiguren, Battlemats, Malprogramme für Karten wie Dundjinni, Charakter-Editoren wie MetaCreator, Romane zu Rollenspielwelten, Comics, Computerspiele, Zeichentrickserien, Soundtracks wie von Midnight Syndicate oder die Eberron Soundtracks, und natürlich auch Regelbücher und Quellenbände, sowie Abenteuerbände). Da kommen wir dem Problem, welches ich mit Deinen zwei Punkten ganz zu Anfang Deines Post sehe, auf die Spur:
Du meinst, daß Rollenspiel NUR und AUSSCHLIEßLICH ein Hobby ist.
Ich meine, Rollenspiel ist eine aktive Tätigkeit, eine kreative Freizeitbeschäftigung, ein Hobby, eine Leidenschaft - und es ist
auch eine Industrie, ein Markt, eine Möglichkeit ein Unternehmen Geld erwirtschaften zu lassen.
Wirf mal einen Blick in einen typischen Rollenspiel-Laden, in einen Rollenspiel-Online-Shop, in die Werbeanzeigen in einer Rollenspielzeitschrift. Was findest Du da?
Sind das alles die mit persönlichem Herzblut aus dem Leib geschriebenen kreativen Kinder passionierter Genies, die ihr Leben dem Rollenspiel gewidmet haben und deshalb unantastbar für jegliche Kritik sein müssen?
Weit gefehlt!
Da gibt es Schrott!
Zuhauf Müllprodukte, die einen Jammern lassen um die armen Bäume, die man für das viele Papier fällen mußte. Unoriginelle Inhalte, mies kopierte Regelsysteme, ab und an vielleicht noch ein tragischer Heartbreaker, aber öfter als diese einfach nur Abzocke. Ganz kraß auf dem in den USA dominierenden D20-Sektor. Was da nicht alles für D20 rauskommt! Und welch kleiner Anteil davon wirklich was taugt!
Wird das alles wirklich nur von Sammlern gekauft? Diesen Plagiats-Schrott? - Wer sammelt denn so etwas?
Natürlich darf man das nicht nur kritisieren, man SOLL es sogar kritisieren, da nur durch offene Kritik die Produkte besser werden können. Nur wenn die Verlage merken, daß sie nicht einfach "Unser altes Rollenspiel - Version 2.0" schreiben können, und dann eine Mogelpackung abliefern können, dann wird sich ein wenig an der für den Kern des Rollenspiel-Hobbies wichtigsten Eigenschaft tun: der Qualität der Produkte für das AKTIVE ROLLENSPIELEN. Nicht um als Buchstütze herzuhalten. Nicht als Bilderbuch für Erwachsene. Sondern zum Spielen sind die Dinge da - zumindest werden sie als solche angeboten.
Wenn ich einen Bildband kaufe, dann erwarte ich darin Bilder. Wenn ich ein Kochbuch kaufe, dann erwarte ich darin - zumindest ein paar - brauchbare Rezepte. - Wenn ich ein Rollenspiel kaufe, dann erwarte ich mir darin Inhalte, die ich direkt oder indirekt für das aktive Spiel verwenden kann. Ist das nicht drin, oder ist das, was drin ist, qualitativ jenseits der geweckten Erwartungen, jenseits meiner eigenen Ansprüche und jenseits dessen, was ich als fairen Gegenwert für mein Geld erachte, dann werde ich mich lautstark darüber beklagen. Da SOLLEN sich die Machen dafür schämen, verdammt.
Es geht auch anders.
Es gibt auch kostenlose Rollenspiele.
Diese werden TATSÄCHLICH von Enthusiasten gemacht, die KEIN Geld dafür bekommen und zumeist noch nicht einmal Ruhm, weil diese kostenlosen Rollenspiele meist ein Schattendasein fristen. Fate,Fudge, Fuzion, Active Exploits, Risus, etc. - Wer heute in Zeiten des Internets ohne viel Geld Spielmaterial suchen will, der wird fündig. Bis zum Abwinken. Viele Verlage stellen ihre alten Produkte (z.B. AD&D 2nd Ed., Ars Magica 4. Ed, Witchcraft, etc.) kostenlos zur Verfügung. Das ist nett. Aber das machen nicht alle. Und die, die es machen, die wollen natürlich damit die Rollenspieler als zukünftige Kunden gewinnen.
Außer die ganz freien. Die Indies. Die auf The Forge solche Spiele wie Sorcerer, Dogs in the Vineyard, Enemy Gods, Universalis vorstellen. - Da bekommt tatsächlich der AUTOR von jedem Verkauf auch direkt das Geld. Dafür gibt es viele Produkte dort nur als Kauf-PDFs, als Print-on-Demand oder in Kleinstauflagen.
Gerade die Kauf-PDFs sind für diese Ein-Mann-Betriebe immer mit dem Risiko behaftet, daß sie beliebig über das Internet weiterverschoben werden. Daher können die Indies von ihren Rollenspielen nicht leben.
Hier magst Du mit Deiner Einschätzung der Motivation von Autoren (= Verlegern) richtig liegen. Hier "spielt" der Autor bei Eingang einer E-Mail-Bestellung den Verleger, den Verkauf, den Versand, die Buchhaltung. Aber das sind eben SONDER-Fälle. Eben Indies. - Nicht die wirtschaftlich arbeitenden Profi-Verlage.
Daniel hat geschrieben:Warum ich das schreibe? Weil mir das ganze Geplärre um Ruhm, Ehre und Verdienstmöglichkeit tierisch auf den Senkel geht.
Also das mit Ruhm und Ehre ist mir im Rollenspiel-Umfeld eh neu. Hier ist soviel Ruhm und Eher nicht zu erwerben. OK. Tweet, Tynes, Gygax, Peterson, Stafford, Edwards, ... Klar gibt es ein paar Namen, die man mit der Zeit kennt, wenn man sich mit Rollenspielen und vor allem(!) mit unterschiedlichen Rollenspielen (also nicht mit Monokultur) befaßt hat. Aber Ruhm? So würde ich das nicht nennen. - Hier haben wir keine Helden. Nur Nerds, die in manchen Bereichen ein wenig schlauer, ein wenig kreativer waren, als die üblichen Autoren.
Daniel hat geschrieben:Genauso wie die Kritik an Dingen um deren blose Existenz man schon froh sein muss.
Ochör! - Diese Dankbarkeit auf den Knien robbend hatten wir in den Achtzigern nötig, weil es außer TSR's Produkten wie D&D einfach kaum noch irgendwie hier in Europa zu bekommende Rollenspiele gab. Wollte man Fantasy spielen, war man dankbar, daß es D&D und ein Langenscheidt-Wörterbuch gab (deutsche Übersetzungen? Fehlanzeige!). - Ein paar Jahre später gab es wenigstens mit Midgard und mit Abenteuer in Magira gleich zwei deutsche Rollenspiele. Noch ein paar Jahre später die DSA 1 Unsäglichkeit (zumindest für uns, die wir bis zum Erscheinen von DSA 1 schon viele andere, weitaus elaboriertere Rollenspiele gespielt hatten).
Natürlich muß man in gewisser Weise dankbar sein, daß es Verlage gibt, die es manchen von einem selbst geschätzten Autoren ermöglichen, ihre Ideen zu publizieren (falls diese Autoren nicht gleich den Weg des Indie gehen).
Aber muß man wirklich für ALLES, für JEDEN SCHEIß dankbar sein? - Nein. Entschieden NEIN.
Wir müssen heute dankbar sein, daß wir ständig vergleichsweise billig Fleisch zu essen bekommen. Wir müssen die Viecher nicht selbst jagen und ausnehmen. Wir müssen sie nicht selbst aufziehen und dann schlachten. Wir können zum Supermarkt gehen und dort handlich und sauber und vor allem unblutig Fleisch kaufen. - Müssen wir deshalb gleich den Schlachthofbetreibern um den Hals fallen? Dürfen wir dann nicht bei Gammelfleisch aufschreien?
Klar, Rollenspiele braucht man nicht zum Leben. Fleisch auch nicht. - Rollenspiele machen nicht krank, wenn sie schlecht sind. OK.
Aber darf man nicht, wo Scheiße drin ist, auch mal sagen "He, hier ist Scheiße drin!"?
Ist wirklich jedes letzte D20-Supplement-zu-einem-Supplement-zu-einer-Prestigeklasse wirklich so notwendig für den Bestand des gesamten Rollenspiel-Hobbies?
Ich meine: NEIN.
Daniel hat geschrieben:Wenn man in diesem Hobby etwas aktiv tut, dann spielt man nur. In einem sehr überschaubaren kleinen Rahmen.
Ein Verleger spielt Verleger, wenn er eine Verkaufszahl von 500 hat.
Da schau Dir mal die Geschichte von Sorcerer an. Einem Rollenspiel, welches noch weitaus mehr ein Exot und ein Nischenprodukt ist, als Unknown Armies. - Der Autor hatte es offen im Internet entwickelt und anfangs ausschließlich als PDFs verkauft. Nachdem er über 1000 Stück abgesetzt hatte, hatte er genug Geld eingenommen das Risiko zu wagen einen echten Druck davon anfertigen zu lassen, kleinformatiges Hardcover, solide produziert, Inhaltsverzeichnis, Literaturliste, Index, geschmackvolle aber nicht zum Selbstzweck verkommende Illustrationen, und eine das Erlernen erleichternde Aufteilung der Inhalte. Das verkauft sich seit drei, vier Jahren so gut, daß er davon seine anderen, noch haarsträubenderen Rollenspielprodukte mitfinanziert und die Webpräsenz von The Forge aufrechterhalten kann.
Er spielt aber nicht den Verleger an sich, sondern er ist UNABHÄNGIG. Ein Indie. Dazu macht er sich die ganze Mühe überhaupt. Damit er die kreative Kontrolle über seine Ideen behalten kann - das ist nämlich etwas, was bei den großen Verlagen nicht so sicher ist (wie war das mit dem Ikarus-Projekt?).
Daniel hat geschrieben:<snip - alle spielen nur, keiner kann es wirklich - snip> Und ein Konsument spielt den Konsumenten.
Wenn es meine Euros sind und nicht nur Spielgeld oder das Gute Selbstgedruckte (tm), dann SPIELE ich NICHT den Konsumenten, sondern ich kaufe tatsächlich etwas.
Und wenn ich dann aber den Eindruck hätte, daß der Verleger, der Autor, daß alle an der Herstellung eines Produktes, für das sie meine Kohle und meine Lebenszeit für das Durchlesen haben wollen, das Ganze nur SPIELEN, statt es wirklich zu TUN, statt es zu KÖNNEN, dann würde ich diesen Lowperformern nicht mal Altpapier als Entlöhnung gönnen.
Wer meint, daß er in der Lage ist, ein Produkt, ein Hobby-Zubehör, ein Spielmaterial herzustellen, für das er einen Preis verlangt, der sollte besser nicht an Selbstüberschätzung und Unfähigkeit kranken. Der sollte da, wo er seine Worte hingepustet hat, bitteschön auch Taten, auch Ergebnisse, auch Inhalte folgen lassen.
Wenn er das nicht kann, dann sollte er sich überlegen, seine Ideen KOSTENLOS abzugeben, sie in Fanzines veröffentlichen zu lassen, sie auf seiner Webpräsenz zum Download anzubieten, etc. - Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Geschenkt kann immer noch zu interessanter weiterer Nutzung führen.
So ist der Regelmechanismus von InSpectres auf The Pool, einem kostenlosen Regel-Experiment, welches frei verfügbar ist, entstanden.
So ist Artesia -Adventures in the Known World auf der Basis von Fuzion, einem kostenlosen Regelsystem, produziert worden und (entgegen der Befürchtungen der rollenspielenden Fans der Artesia-Comics) nicht als D20-Fassung.
Wenn die kostenlose "Arbeitsprobe" gefällt, sind vielleicht auch Verlage interessiert, oder man hat - hier paßt es ja wieder - sich einen gewissen Ruf über die Zeit erworben, daß man gute Inhalte produziert. Dann ist einer professionelleren Beschäftigung zumindest ein erster Stein aus dem Weg geräumt.
Aber wer nur den Autoren spielt, der IST KEIN AUTOR, der tut bloß so. Und das führt zu verständlicher Entrüstung von Konsumenten, die eben leider nicht bloß so tun können, als würden sie für minderwertige Produkte bezahlen.
Daniel hat geschrieben:Es ist und bleibt ein Hobby. Vergesst dies bitte alle nie.
Ich glaube nicht, daß irgendjemand hier im Forum das je vergessen hätte. Ich kenne nicht alle Mitglieder, aber mir ist nicht bekannt, daß jemand hier das Rollenspiel als Hauptberuf betreiben würde. Die Gefahr besteht also kaum. - Rollenspiel oder Ski-Fahren oder Querflöte spielen sind alles Hobbies. Manche, wenige, haben den Willen und das notwendige Glück und die Befähigung dieses Hobby zum Beruf zu machen. Die meisten machen das nicht, wollen das nicht, und könnten das auch garnicht.
Daniel hat geschrieben:Fragt nicht, warum ich das schreibe. Aber vergesst es nicht. Wir spielen. Deshalb heißt es Hobby.
Doch. Gerade nach den doch recht - hm- seltsamen Ausführungen Deinerseit frage ich das.
Warum schreibst Du das?
Hobby ist nicht gleichbedeutend damit, daß man nur so tut, als ob man etwas könnte. Hobby ist nur die Beschäftigung ohne es als Beruf auszuüben. Ein Hobby-Bogenbauer kann bessere Langbögen bauen als so mancher Profi, weil er sich mehr Zeit nehmen kann und nicht auf das Geld schauen muß. Nur wird er sich von seinen Bögen auch nicht so leicht trennen, wie jemand, der das professionell macht, um die Miete zahlen zu können.
Mal ein Zitat aus der Wikipedia:
Ein Hobby [Plural: Hobbys] (engl.: Liebhaberei, Steckenpferd) ist eine Freizeitbeschäftigung, die mit einer gewissen Leidenschaft und oftmals mit einem hohen Aufwand betrieben wird - nicht um einer Bezahlung willen, sondern eher aus Interesse und Freude an der Sache.
DESHALB ist Rollenspielen (auch) ein Hobby. Aber nicht für die professionellen Verlage, Autoren, Lektoren, Händler. Da KANN noch etwas von der Verbundenheit zum Hobby mitschwingen, doch ist fraglich, wie lange im Tagesgeschäft solch ein Enthusiasmus noch Bestand haben kann.
Wer Geld verlangt, der muß den Wert seiner Arbeit zwangsläufig ins Monetäre abbilden. Und damit wird der Wert nicht mehr ideell, sondern ganz konkret in Euro und Cent meßbar. Das ist die Crux der Eröffnung eines Rollenspielgeschäfts, einer Rollenspielunternehmung. - Wer da nur meint spielen zu können, der spielt in diesem harten Spiel der Betriebswirtschaft bald nur noch auf der Ersatzbank.