Ich finde es gut, dass hier darüber diskutiert wird, aber ich bin etwas erschrocken über die Reaktionen hier.
Ich persönlich finde diese ganze Sache als westlich geprägter Christ auch schrecklich, aber ich sehe a) die religiöse Motivation dieses Streites und b) das absolute Gefahrenpotenzial, das diese Affäre in sich trägt.
Wie alle hier sind in unserer Prägung und Sozialisation westeuropäisch geprägt. Durch die Medienpräsenz der letzten Jahrzehnte und ein einheitliches Bildungssystem, das staatliche gestützt wurde, sind die Früchte einer jahrhunderte währenden Aufklärung in unseren Köpfen verankert. D.h. das wir hier jetzt so aufgeschlossen und reflaktiert nachdenken können, verdanken wir einem Prozess, der mit dem Humanismus im 15 Jh anfing und - was volle und freie Meinungsäußerung angeht - erst im 20Jh zum Ende kam. Erst, seitdem wir in der demokratischen Republik Deutschland leben und Europa/USA durch die Erfahrungen zweier Weltkriege und eines kalten Krieges ein Mediationsbewusstsein entwickelt haben, sind wir so frei in unseren Äußerungen, so frei in unserer Toleranz gegenüber anderem/n und so frei, selber alles sagen zu können.
Um es am Beispiel der Bibel dar zu legen (Sehr vereinfacht dargestellt, denn eigentlich ist alles ungemein komplexer

): Erst seit knapp 150 Jahren gibt es einen historisch-kritischen Umgang mit der Bibel, der es uns heute erlaubt, die Bibel kritisch zu lesen. Erst seit Mitte des 17.ten Jahrhunderts gilt die Bibel nicht mehr als ultima ratio und unanfechtbares und unbestreitbares Fundament der Wahrheit. Wer davor gegen die - von einer Kirche und nicht von der Bibel - Regeln und Aussagen verstoßen hat, wurde auch geächtet.
Der Islam beginnt erst jetzt langsam mit diesem Prozess. Die ersten Innerislamischen kritischen Stimmen werden laut und der Dialog beginnt.
Jetzt muss man sich aber einige Aspekte anschauen, um die Situation des Islams zu verstehen. Genau wie es kein Christentum gibt, gibt es auch keinen Islam. Es gibt hunderte und tausende von Lehrmeinungen in dieser Religion, die sich alle mehr oder weniger auf das Beziehen, was wir als Koran bezeichnen. Diese Lehrmeinungen sind, genau wie die im Christentum oder im Judentum, meistens konträr, so dass es eben tausende von Gruppierungen gibt, die wir als Schriftreligion mit Zentrum Islam bezeichnen. In erhalb dieser Gruppierungen gibt es also Gruppen, die auf diese Karrikaturen negativ reagieren. Es ist also nicht der Islam als solches, eine Religion übrigens, die nach ihrem Schriftzentrum Koran absolut friedensliebend ist, es sind wenige Idividuen.
Jetzt kommt die Frage nach der globalen Lage und sozialen Situation dieser Gruppen. Armut, soziale Isolation in Dörfern und Sippen, wenig Bildung. Das sind drei Faktoren die die Basis stützen, auf der diese Empörung basiert. Religiosität ist wichtig und wird als nicht hinterfragbare Führung angesehen, wie bei uns vor 250 Jahren. Diese drei Sätze stauchen den komplxen Zusammenhang unwissenschaftlich zusammen, aber es bildet soweit ein tragfähiges (wenn auch unwissenschaftliches Fundament) für meine weitere Argumentation.
Wenn jetzt der in der Rezeption der Muslime der verdorbene Westen (Krieg, Ausbeutung, Unterdrückung, Arroganz,... die Attributem die uns unser Auftreten dort zuschreibt sind mannigfaltig) diese Karrikaturen abdruckt, so ist dies ein Faustschlag ins Gesicht der Identität. Die religiöse Tradition und die Führung verbietet eine Zeichnung Mohameds, dem Urstifter und Propheten Gottes. Der Westen setzt sich über dieses Gebot hinweg und tritt dem Islam, so die Botschaft, ins Gesicht. Den EINEN Propheten (d.h. der Mensch, der den engsten Kontakt mit Gott jemals hatte) mit einer Bombe im Turban zu zeigen, wo doch in dem von ihm gegebenen Koran (So der glaube, ich sehe das historisch kritischer), ist ein Tritt ins Gesicht. [sic]
Ich kann diese Empörung sehr gut nachvollziehen. Ziehen wir Analogien. Ich erinnere hier an die Empörung der RPG-Szene, als wir Ende der 90er als Satanisten angeprangert wurden. Ich erinnere hier an die Studentenbewegung der 68er Jahre. uvm.
Meine erste These will also sagen: Wir sollten auf keinen Fall unser Sichtweise, die wie oben beschrieben ganz anders geprägt wurde, als absolutes Bewertungskriterium anwenden. Diese islamischen Gruppen sind komplett anders geprägt.
Wie oben bereits gesagt, gibt es keinen Islam und kein Christentum, kein Judentum und keinen Hinduismus. Dies sind Gattungsüberbegriffe, jedoch keine festen Gruppierungen. Dies kann ich am Bsp Christentum darstellen, dessen drei große Vertreter (Evangelisch /Katholisch /Orthodox) in ihren Lehren absolut wiedersprüchlich sind und nur durch sog. Einigungsfaktoren wie z.B. Christus und die Bibel unter dem Gattungseinigungsbegiff Christentum zusammen gefasst werden können. Diese Einigungsfaktoren jedoch sind auch schon dogmatisch innerhalb der drei großen Konfessionen umstritten. Wenn man dann noch die abermillionen kleinen christlichen Gruppierungen hinzu nimmt, wird klar, dass es nicht DAS Christentum gibt. Dies ist für den Islam in keinster Weise anders. Der Islam ist eine sehr friedliebende Religion - man kann das in unseren heutigen Tagen nicht oft genug sagen - es gibt nur wenige Gruppen, die durch äußere Umstände radikal geworden sind. Diese Gruppen stellen wahrscheinlich weniger als 5% dar. Dazu kommt, dass diese 5% stets einer Lehrmeinung anhängen, d.h. diese 5% folgen einem Lehrer oder einer Weltanschaung, die von wenigen dieser 5% entworfern und vertreten wird. So sind es, gfanz allgemein gesagt, meist Individuen, die durch Charisma und "Seelsorge", durch Führungsqualität und Können eine Gruppe sammeln, denen sie eine Perspektive geben können. Das diese Führer aber nicht nach ethischen Maßstäben böse sind, sollte klar sein, denn eine solche Verurteilungskategorie entstammt immer einer Moarl, in diesem Fall unserer westlichen. Auch kann ich verstehen und nachvollziehen, dass sich im Laufe der letzten Jahre und Jahrzehnte in den friedliebenden 95%ein gewisse Solidarität mit diesen radikalen Gruppierungen entwickelt hat. Dies ist Entwicklungspsychologisch verständlich und nachvollziehbar. Wer hat sich nicht schon mal innerlich heimlich gefreut oder die Genugtuung gespürt, wenn jemandem, den man nicht mag, etwas unerfreuliches passiert ist.
In diesem Kontext sei mir das Zitat aus der Bibel gestattet mit dem Wind säen und Sturm ernten. Gewisse Teile des Westens - wahrscheinlich auch nur 5% - haben eben gewisse sehr ungeschickte Signale abgegeben über Jahrzehnte hinweg, die in gewissen Bevölkerungsschichten in ihren spezifischen Situationen gewisse Reaktionen ausgelöst haben. Und da haben wir den Salat.
Hier nur ein paar schnelle Beispiele:
Wie reagiert ein Mensch, der nie die Chance hatte, eine Schule zu besuchen, jeden Tag unfruchtbarem Ackerland den Ertrag für sich und seine Familie abringen muss und für den die Religion ein echter Trost und die Tradition/Religion Identiät bringt auf folgende Tatsachen, die bei ihm so ankommen:
* Die Juden haben uns Muslimen Land gestohlen und die westliche Welt unterstützt diese Diebe?
* Amerika hat einen unseren Glaubensbrüder in einem muslimischen Land überfallen, weil sie Geld wollten. Jetzt schänden Soldaten unsere islamischen Frauen und huren in unserem "Gotteshaus"?
* Der Deckmantel der Demokratie, mit dem man im Irak einmarschiert ist, empuppte sich spätestens da als Lüge, als die Amerikaner einen Präsidenten an die Macht verhalfen, der vorbestraft ist, der kein gläubiger Muslim ist, der seir Jahrzehnten nicht mehr im Irak lebte und als Freund der Amerikaner galt.
* Der Westen versucht uns ihre Lebensart auf zu zwingen als die wahre, obwohl wir gelernt haben, dass der Westen nur schlechtes bringt. Der Westen schätzt unsere Tradition nicht, zerschlägt unsere Stammesverbindungen und Strukturen, die über Jahrtausende hinweg funktioniert haben.
* Westliche Touristen benehmen sich in unserer islamischen Welt wie die Schweine. Frauen gehen ohne bedeckte Oberarme auf die Straße und sogar in unsere Heiligtümer, Männer betrinken sich in aller Öffentlichkeit und verstoßen gegen die Gesetze, die in unseren Gegenden gehören. Sie verhalten sich wie die imperialistischen Herrenmenschen und meinen, uns kaufen zu können.
Und jetzt verstößt eine Zeitung gegen eines ihrer höchsten Gebote. Die Bombendrohung war NICHT die Antwort des Islams, sondern einiger weniger Gruppen.
Das bringt mich zum dritten Punkt, dem öffentlichen Bild des Islams. Wenn man sich Filme (Spielfilme wie Dokus) aus den 80er Jahren anschaut, wird der Islam oft als rückschrittlich dargestellt oder als Gefahr. Dank der umfassenden Medien Fernsehen und Radio fruchtete diese Prägung bei den meisten Menschen sehr gut. Jetzt leben wir in einer Welt, in der die Medien noch dominanter geworden sind. Seit dem 911 werden wir täglich im Fernsehen mit Bildern bombardiert, in denen uns DER ISLAM dargestellt wird. Dort sehen wir dann:
* Irrsinnige ballern mit Kalschnikows (Kann auch kultureller Ausdruck der Freude sein. Die Bilder z.B., die man uns nach dem 9.11.2001 präsentiert hat, auf denen tanzende Palästinenser zu sehen waren, stammten nachweislich aus dem Jahr 1998, dem Beginn der Intifada)
* fiese Muslime legen Bomben
* zerschossene Kinder, die von fiesen Muslimen mit ihren Bomben zerfetzt worden ( Medienwissenschaftlich hoch interessant, wenn man sich mal z.B. die Kameraeinstellungen und die Motivwahl dieser Berichte anschaut. Westliche Bilder eben, die entweder so bestellt oder auf westliche Wahrnehmung hin aufgenommen wurden.)
Das diese Bilder aber eben nur die oben genannten 5% abbilden, aber keinen Einblick in DEN Islam geben, dürfte klar sein. Wer einen evangelischen Gottesdienst besucht hat, darf nicht sagen, er kenne jetzt das Christentum. Wer das Alte Testament gelesen hat, darf nicht sagen, er kenne das Judentum. Diese Kategorie des "Das ist der Islam" ist unendlich viel größer. Dazu kommt dann noch, dass in Dtl große teile der Unterschicht türkisch sind. Diese Menschen sind sozial benachteiligt und deswegen sozial problematisch. Wer schon mal von einem Türken eins aufs Maul bekommen hat (Ist mir des öfteren passiert) oder wem ein Araber "den Job weggenommen" hat, der schlägt recht schell unterbewusst einen Bogen von "Antipathie gegen ein Individuum" zu "Alles Verbrecher diese Muslime!" (Das war jetzt polemisch übertrieben, aber diese Assoziationskette ist nachweisbar)
Kein Wunder also, dass die islamische Welt es einmal nutzt, sich als Opfer dar zu stellen, eine Rolle, die seit Jahren der westlichen Welt vorbehalten ist und die diese westliche Welt teilweise erschreckend gut beherrscht.
Hier gäbe es noch viel zu sagen, aber ich schwenke mal thematisch.
Mir macht diese Sache ehrlich Angst. Der Iran will Atomwaffen und mit welchem Recht will die USA und Europa dem Staat dies verweigern? Sollte es zum Krieg mit dem Iran kommen - unter welchen Argumenten - kann ich mir vorstellen, dass die Atombombe fliegt. Ich persönlich halte den Iranischen Präsidenten für verrückt genug, ebenso wie ich Bush für halbseitig wahnsinnig halte. Was bringt uns die Zukunft friedenstechnisch?
Wie soll diese Welt funktionieren, wenn die Identifikationsgruppen Religion und Staat gegenseitig konträr arbeiten? Was heißt es, eine Kultur zu ehren? Was dürfen wir und was dürfen wir nicht mehr? Heißt Dialog und Gemeinschaft nicht auch, dass beide Seiten Rücksicht nehmen müssen und dadurch auf einiges verzichten? Hält sich der Westen in seiner teils gefährlichen Überheblichkeit nicht für weiter und entwickelter und sollte sich deswegen zurück nehmen, da es der Partner derzeit nicht kann? Wie soll ein Zusammenleben verschiedener Religionen in unserer multiglobalen, vernetzten und seminationalen Welt funktionieren, wo in Großstädten bereits jetzt schon duzende von Religionen nebeneinander leben? Wer darf sich wundern, wenn ein Mensch, der sich getreten und benachteiligt fühlt, der sich als Opfer seiner Umwelt betrachtet, die seiner Meinung nach auf seine Normen und Werte und somit auf seine Identität spuckt, und der meint, sich nicht artikulierend verbal zur Wehr setzen zu können, die einfachste Sprache der Welt verwendet, nämlich die Gewalt. Um mal alle zu schocken: Wenden wir den Sozialdarwinismus auf uns, unsere Welt und eine evtl. kommende Situation eines interreligiösen Konfliktes an, wird sich das Christentum überraschend schnell aus der Evolution mendeln lassen müssen. Aber das ist reine Polemik, für die ich mich in diesem sachlich gemeinten Beitrag auch gleich wieder entschuldige.
Deine Aussagen, Hoffi, in einem demokratischen Land darf man alles karrikieren, teile ich nicht, auch wenn du es auf die Basis der Freien Meinungsäußerung stellst.
In unserem Grundgesetz, so wie in der eutopäischen Verfassung, steht an erster Stelle, dass es verboten ist, die Würde eines Menschen an zu tasten und dass Religionsfreiheit zugesichert ist. Juristisch gesehen hast du Recht. Meine Würde steht gegen der Würde eines anderen. Ethisch aber würde ich persönlich es anders betrachten. Dazu bemühe ich den Kategorischen Imperativ, nach dem du die Maxime deines Handelns so wählen sollst, dass sie zur Basis einer allgemeinen Gesetzgebung werden können (Irgendwie ist das jetzt falsch zitiert,...). Kant stellt dieses Zitat in den Kontext seiner Gesellschaftskritik und meint mMn mit Gesetzgebung die Basis einer Gemeinschaft, die für uns Menschen als zoon politikon die einzig vorstellbare Existenzebene darstellt. D.h. jeder Mensch muss sich so verhalten, dass er die Gemeinschaft nicht schädigt und ihr Überleben sichert. Dies soll kein Freibrief sein für Leute, die sich über diese Karrikaturen aufregen und alles, was ihnen nicht gefällt, abwehren mit diesem Argument. Wie alles muss sich dieser Satz immer an der Zeit messen und stets neu stabilisiert werden. Dank einer juristischen Instanz Staat, der sich alle unterworfen haben, ist diese Diskussion für Staatssysteme müsig geworden.
Jetzt sprechen wir aber von einer Gemeinschaft, die aus fragilen Komponenten besteht, in diesem Fall eine sich gekränkt fühlende islamische Welt und der eingeschnappte Westen. Grundlage einer Gesellschaft heißt Dialog und Rücksicht. Zu wissen, dass man gegen die höchsten Gebote des Partners absichtlich verstößt - ich gehe davon aus, dass die Dänen das wusste, bei 30% Anteil an muslimischen Mitbürgern - ist falsch in der Phase des Dialoges, zumal die beiden Partner nicht gleich sind. So gesehen ist das für mich falsch. Folgt man z.B. dem Ansatz, mit der weberschen Gesinnungs- und Verantwortungsethik ( Ganz plump: Prüfe dein Tun und trage die Verantwortung) zu argumentieren, komme ich zum selben Ergebnis. Der westliche Partner hätte das nicht machen sollten.
Die Opferung von Meinungsfreiheit sehe ich ebenfalls nicht. Es gibt keine staatliche Repression - die Meinungsfreiheit ist nur ein juristisches Gebot - gegen diese Karrikaturen, es gibt Reaktionen einiger islamischen Gruppen - die ich auch unpassend finde, die ich wie oben weitläufig erklärt, als nachvollziehbar betrachte. Wie oben gesagt, sollte man sein Handeln auf Konsequenzen prüfen und diese auch tragen. Dieses Handeln hatte Konsequenzen und wenn ein Chefredakteur meint, diese Karrikaturen ab zu drucken, so hat er es gemacht, obwohl er wusste, dass er damit gegen die Gefühle der halben Welt verstößt. Hat mit Pressefreiheit für mich nix zu tun.
Zu guter Letzt, - ich bin müde und meine Argumente im letzten Drittel franzten stark aus - hoffe ich, dir bei neue Denkansätze öffnen zu können. Denn diese Sätze haben mich erschreckt.
Die Reaktion der muslimischen Welt ist total überzogen, radikal, unangemessen und verbessert meine Meinung von ihr nicht gerade.
So langsam fangen die Windelköppe an mir auf den Senkel zu gehen.