Torben hat geschrieben:Ich glaube, daß man da keine so klare Grenze ziehen kann, was schon speziell Cyberpunk ist, oder was noch zur "normalen" SF gehört. Schließlich werden die Alternativweltgeschichten von Jules Verne ja auch als Wegbereiter der SF gesehen, ohne selbst dazu zu gehören. Wenn man Wikipedia zu Rate ziehen darf, dann gehört Shirley tatsächlich zu den Cyberpunkautoren und ist damit wohl zumi´ndest ein Mitbegründer. Aber wie so oft wächst das Genre wohl eher durch das Zusammenwirken verschiedener Kräfte. Cyberpunk ist ja wieder eine spezielle Form der dystopischen Zukunftsliteratur, wie Helge ja schon erwähnte, aber in diese Beschreibung passen ja auch die Klassiker "Die Zeitmaschine", "1984" und "Schöne neue Welt", (und natürlich Metropolis)welche mit Cyberpunk ja nun wenig zu tun haben. Ich denke, was Cyberpunk ausmacht, sind der Einbau bionischer Prothesen und der Cyberspace, der zu einer zweiten Realität wird. Und letzterer stammt nun wieder eindeutig von Gibson.
Nein, das stimmt nicht - das gab's auch Ende der fünfziger - ein Europäer, Franzose(?), hat einen sehr dystopischen Roman geschrieben - Limbo... (orwellsches Totalitarismus-Szenario mit Übermenschen durch Prothesen)
Und das war absolut kein CP.
Es sind nur äußerliche geradezu kosmetische Stilelemente (die nur metaphorisch für die Selbstentfremdung und Auflösung der Menschlichkeit stehen), die Thorben erwähnt hat - typische Rollenspielsichtweise (no offense meant). Daniel hat die inneren Werte gut auf den Punkt gebracht, aber eigentlich verkörpert - und das sagte ich oben schon - Cyberpunk einmal
in der Literatur (und gerade auch bei Shirley, Gibson und Williams)
eine "Weltanschauung" der 80er und sehr frühen 90er: der Zerfall der bürgerlichen Gesellschaft, Oligopolisierung der Wirtschaftswelt, AIDS, Umweltzerstörung und die "werktätigen" Massen werden durch die Medien (als Ersatz/Ergänzung der Religion) "
narkotisiert".
Das findet man in diesem Zeitraum im Punk, der New Wave/Gothik-Bewegung, Mode und auch im Mainstream wieder.
Der Einfluss der Medien zieht sich durch alle Bereiche uswusw. Und ja, Technologie wird teilweise auch zum Götzen, aber der Glaube an den Fortschritt und an die Reifung des Menschen durch Bildung und Wohlstand, der die SF früher kennzeichnete, ist dahin. Happy Endings sind selten und immer Pyrrhussiege.
Da wir das momentan erleben - Globalisierung, Massenarbeitslosigkeit, Verarmung, Schwinden des Mittelstandes, neue Rüstung in Ost und West, Aufstieg Chinas, 9/11, HIV verbreitet sich außerhalb der klassischen Risikogruppen usw. - ist der CP als Vision dessen überholt. Er hat uns eingeholt, auch wenn die coolen Techgimmicks und die Videospielmatrix fehlen...
Eine weitere einfache Schlagwort-Typisierung des Cyberpunk ist
SF noir - diese ist damit natürlich auch unvollständig. Je nach Standpunkt wird CP zynisch, desillusioniert oder gar defätistisch und nihilistisch bezeichnet.
Die (US-)Vision des ursprünglichen Spiels Cyberpunk 2020 war die des trotzigen Aufstandes gegen Verfall und Ungerechtigkeit - der Rebellion gegen das Establishment... der Sieg auf ganzer Linie war nie geplant.
Schaut Euch Guantanamo Bay an, schaut Euch Chemnitz an, schaut zu Opel nach Rüsselsheim oder Bochum, zu Sanofi-Aventis nach FFM und schaut Big Brother an, dann habt ihr jeden Tag den Geist des Cyberpunk...
Was nicht heißt, dass man keine endgeilen, zynischen Plots mit einem Sack voll Action und großartiger Musik spielen kann!
Welche Tiefe man da drin haben will - bleibt der Spielrunde überlassen.
Meistens hatten meine Gruppen schnelle, effektreiche Abenteuer im Sinn - die haben sie auch bekommen... meine Geisteshaltung zu dem Thema hat lediglich dafür gesorgt, dass die NSCs überzeugend und die Schauplätze schmutzig waren.
Gruß
H.